Christiane Edinger
Violine

Rezensionen

Christiane Edinger

Christiane Edinger und Klaus Hellwig beim Privatmusikverein Nürnberg

"Hohe Kultur der Zurückhaltung"

Sie bleibt eine Ausnahmeinterpretin: Die Geigerin Christiane Edinger, die zusammen mit dem Pianisten Klaus Hellwig in der Meistersingerhalle beim Privatmusikverein gastierte.

Auf der Suche nach einem gültigen Gegenentwurf für eine grassierende Selbstdressur von immer noch taufrischeren, perfekteren und individuelleren Nachwuchsmusikern wird man bei der gelassenen, noblen, erfahrenen Kammermusikerin und Solistin Christiane Edinger mühelos fündig werden. Ihr Gastspiel beim Privatmusikverein im passgenauen Duo mit dem ebenso verdienten Pianisten Klaus Hellwig nutzte die Lübecker Geigenprofessorin dementsprechend zum dezenten Perspektivenwechsel: Ein Beharren auf einer in der Tiefe verwurzelten statt möglichst rasch und spektakulär hochgezüchteten Interpretationskultur, was eingangs der Ersten Violinsonate von Schumann denn auch zu außergewöhnlicher Tiefenschärfe verhalf.

Ganz zart schmelzen da genau jene Portamenti förmlich dahin, die schon unter ein wenig mehr Bogendruck ganz schnell abrutschen könnten in klebrige Gefühligkeit. Eine überlegen entfaltete Nuanciertheit und die klare Phrasierung dezidierter Sinneinheiten lassen bereits im ersten aufblühenden Melodiebogen die kapriziösen, zuletzt zunehmende stacheligen Seitentriebe des zornig aufgewühlten Finales erahnen. Sehr subtil, mit gleichsam schwebendem Bogenarm entfaltet sich da eine schillernde und sich doch selbst immer wieder hinterfragende Kantabilität, die erst gar nichts hervorlocken will und muss, was sich nicht im Spielfluss offenbaren mag – und kam.

Überreiztheiten und ein übertriebenes Ausdrucksspiel, wie vielfach um der vermeintlichen Individualisierung willen gepflegt, finden sich da nicht. Im Gegenteil – flüssig wie auch vielfältig reflektiert wirkt der nicht nur im Unisonso nahtlose Dialog, in dem die grauhaarige Dame im eleganten roten Mantelkleid nicht die Erste Geige spielen muss, aber auch der zurückhaltende Herr mit der kühlen Mimik an den Tasten nicht die Oberhand behalten will.

Nürnberger Nachrichten, Anja Barckhausen, 1. März 2010

__________________________________________________________________________________________________

Göttinger Symphonie Orchester / Christiane Edinger - Mozart: Violinkonzert Nr. 1

"Der Solopart verschafft sich viel Raum, den Edinger virtuos ausfüllte. Sie verlieh dem Werk mit ihrem vollen, lebhaften Ton eine Frische, die gut mit dem Spiel des Orchesters harmonierte.
Das Allegro moderato wurde so zu einem erquicklich Hörgenuss, der in einer inspirierten Kadenz mündete, in welcher Edinger ihr technisches Können hörbar werden ließ."

Göttinger Tageblatt, Christoph Jensen, 18. Februar 2008

__________________________________________________________________________________________________

Christiane Edinginger in der Freien Akademie der Künste Hamburg

"Ein undogmatisches, antipuristisches Lehrstück"

Die Dame hat eine solche Aura und Autorität, dass sie den zehnjährigen Geigenschüler und den komponierenden Professorenkollegen gleichermaßen in ihren Bann zieht und sofort in andachtsvolle Lauscher verwandelt. Christiane Edinger ist eine Ausnahmegestalt im aalglatt gestylten Musikgeschäft des 21. Jahrhunderts. Wer sie am Montag in der Freien Akademie der Künste in einem Portraitkonzert kennen lernen durfte, gewann sogar den Eindruck, sie habe geradewegs eine Zeitreise aus der deutschen Romantik angetreten, um einmal im Heute Station zu machen und uns mit dem weisen Lächeln der historischen Distanz vorzuführen, wie unerhört schön, klar, rhythmusverliebt und humorvoll die Musik des 20. Jahrhunderts sein kann, die uns zu oft als kopflastig und spröde verkauft wird.

Grenzüberschreitend und wahrhaftig war schließlich das Bach-Spiel der Edinger. Mit ihrem großen entschiedenen Ton, mit ihrem kraftvollen Ansatz, den sie harmonisch mit einer tiefen intuitiven Gefühlswahrheit verschmolz, entfachte sie ein brennendes Geigenspiel, das den schwelgenden deutschen Orchesterklang eines Wilhelm Furtwängler unzeitgemäß in einer Bach-Chaconne aufspürt - auf ihrer klingenden Reise zurück in die Zukunft.

Die Welt, Peter Krause, 15. Januar 2003

__________________________________________________________________________________________________


Christiane Edinger - Werke für Violine von Eduard Franck (1817-1893)

Ein Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Komponist und Werk:


PFLICHT ZUR ROMANTIK


Da ist Platz neben den Gipsbüsten: Eduard Franck hat ihn verdient

Daß er "auf diesem Wege weiter und vorwärts arbeiten" möge, wünschte Mendelssohn Anfang 1838 dem jungen Komponisten Eduard Franck, den er seit 1834 in Düsseldorf und Leipzig privat unterrichtet hatte. Zum Abschluß dieser Lehrzeit waren 1837 Francks "Zwölf Studien" für Klavier op. 1 erschienen. Der Zunftneuling hatte sie seinem Meister gewidmet und ihn um ein Urteil gebeten. „Fehler sind nicht darin, und Sie sind Ihres Handwerkszeugs mächtig, aber gebrauchen müssen Sie's nun mehr und mehr", lautete die Antwort. Weitere Werke zu komponieren sei Francks "Aufgabe, und die Pflicht, die Ihnen Gott durch Ihr Talent auferlegt hat" Auch Robert Schumann, später Francks Freund, zeigte sich angetan. In seiner "Neuen Zeitschrift für Musik" bescheinigte er dem Werk "Ernst der Ansicht", „Kunstmäßigkeit des Satzes" und Leichtigkeit der Kombination".

Eduard Franck war 1817 in Breslau als jüngster Sohn einer Bankiersfamilie auf die Welt gekommen. Schon während des Studiums trat er als Pianist mit Mendelssohn auf. 1841 unternahm er eine mehrjährige Studienreise nach London, Paris und Italien. In Berlin, wo er anschließend als Konzertpianist wirkte, lernte er die damals von den Dichtern Geibel, Bodenstedt und Heyse umschwärmte, mit Fanny Hensel eng befreundete Pianistin Tony Thiedemann kennen, die er 1850 heiratete. Ein Jahr später zog das Paar nach Köln. Franck unterrichtete dort, leitete einen Gesangverein, gab Konzerte und komponierte Kammermusik, Solokonzerte, Klaviersonaten und Sinfonien. Häufig führte er eigene Werke auf und musizierte dabei auch mit Ferdinand Hiller und Carl Reinecke. 1858 wurde der Sohn Richard geboren, der später selbst als Komponist erfolgreich war. Nachdem Franck trotz der Fürsprache Hillers als Nachfolger Schumanns in Düsseldorf abgelehnt worden war, übernahm er 1859 in Bern die Leitung der Musikschule. Von 1867 bis 1878 wirkte er in Berlin als Klavierdozent am Sternschen Konservatorium, danach bis 1892 am Konservatorium zu Breslau, ein Jahr später starb er in seiner Heimatstadt.

Trotz Kritiker- und Kollegenlob gab er einen großen Teil seines (Œuvres lange Zeit nicht zur Veröffentlichung frei. Vieles blieb ungedruckt, manches ging verloren. Erst 1882 begann er auf Anraten des befreundeten Komponisten Théodore Gouvy mit der Herausgabe wichtiger älterer Werke. So kam es etwa zur Publikation der wohl schon in den sechziger Jahren entstandenen Sinfonie A-Dur op. 47 und der vermutlich weitere zwanzig Jahre früher komponierten Cellosonate F-Dur op. 42. 1890 erschien endlich auch das bereits 1855 mit großem Erfolg uraufgeführte, zwei Jahre später auf Anraten des Geigers Ferdinand David überarbeitete Violinkonzert e-Moll op. 30. Andere Werke wurden postum von Richard Franck ediert. Doch damals war die Zeit längst über Eduard Francks Stil in der Nachfolge Mendelssohns, Schumanns und Hillers hinweggegangen. Seine durchaus eigenständige Musik geriet in Vergessenheit.

Erst in jüngster Zeit rücken die Komponisten Eduard und Richard Franck wieder ins Blickfeld. Zum hundertsten Todesjahr des Älteren haben die Nachkommen Paul und Andreas Feuchte den im Familienbesitz befindlichen Nachlaß gesichtet und ein Buch über ihre beiden Vorfahren veröffentlicht. Seither sind bei Audite sechs CDs mit Musik von Eduard Franck erschienen. Neben den drei Streichquartetten (mustergültig interpretiert vom exzellenten Edinger-Quartett), dem Klavierquintett D-Dur op. 45 und zwei Cellosonaten (gekoppelt mit Werken für Cello und Klavier von Richard Franck und Reinecke) liegen nun auch die beiden Violinkonzerte und zwei der sechs Sinfonien vor. Die vorbildlichen Ersteinspielungen mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken unter Hans-Peter Frank fördern originelle hochromantische Orchesterwerke zutage.
Gewiß haben etwa bei der Sinfonie in A-Dur Mendelssohn und Schumann Pate gestanden, doch Franck war kein Epigone. Harmonisch und in der Orchesterbehandlung ging er wie Raff, Reinecke und Bruch weit über die Vorbilder hinaus. Manches nimmt bereits Bruckner oder Brahms vorweg. Die Saarbrücker warten mit sattem Streicherklang und weichen, zart leuchtenden Bläserfarben auf. Hans-Peter Frank läßt spannungsgeladen musizieren und gibt den großflächig konzipierten, dicht gearbeiteten Sätzen Raum zur Entfaltung ihrer reichen Binnenstruktur. Das kommt nicht zuletzt der bis vor kurzem verschollenen, möglicherweise bereits 1856 entstandenen, 1883 überarbeiteten, aber nie publizierten Sinfonie B-Dur op. 52 zugute. Ihr ausladender, tief melancholischer, in spätromantische Harmonik vorstoßender Adagiosatz braucht den Vergleich mit Brahms nicht zu scheuen.

Auch die beiden Violinkonzerte hätten es verdient, ins Repertoire übernommen zu werden. Die Geigerin Christiane Edinger nimmt sie als bedeutende Gattungsbeiträge ernst. Das
e-Moll-Werk, dessen Neufassung 1861 unter Hillers Leitung uraufgeführt wurde, reklamiert sie seelenvoll und kultiviert als eigenwillige Replik Francks auf Mendelssohns Konzert in derselben Tonart, mit dem es seinerzeit auf eine Stufe gestellt wurde; Kritiker priesen seinen "edlen Charakter" und die "poetische Stimmung". Als Franck das Opus fast dreißig Jahre später in Druck gab, wurde es als "veraltet" übergangen. Seine Qualität indes ist offenkundig. Der weit ausgreifende Kopfsatz mündet in einen verhaltenen Zusammenbruch, aus dem die Solovioline diatonisch schlicht aufsteigt. Zusammen mit dem choralartigen Beginn des Mittelsatzes und dem attacca anschließenden stürmischen Finale läßt dies auf ein geheimes Programm schließen, obwohl Franck nach außen wie Brahms der klassizistischen Ästhetik "absoluter" Musik treu blieb.

Als helleres Gegenstück erweist sich das um 1875 komponierte, unveröffentlichte Violinkonzert D-Dur op. 57, das zu Francks Lebzeiten nie gespielt wurde. Es besteht aus einem von Beethoven inspirierten Kopfsatz, einem traumverhangenen, an Schumanns Zweite gemahnenden Adagio und einem ungarisch angehauchten Finale mit virtuosem, stellenweise fast bachisch klingendem Solopart. Daß diese packende Musik mehr als hundert Jahre auf ihre Uraufführung warten mußte, kann man in Abwandlung von Mahlers vielzitiertem Ausspruch eigentlich nur mit der als Tradition verbrämten Schlamperei eines verkrusteten Konzertbetriebs erklären. Die fulminante Interpretation ist ein überzeugendes Plädoyer gegen derlei kanongläubige Gipsbüstenfixiertheit.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Werner M. Grimmel, 17. August 2001

zurück zur Kurzübersicht

Top